Das Buch gegen das Vergessen
Drei Jahre ist es jetzt her, seit in der Region Eriswil, Huttwil, Wyssachen und in Teilen des Emmentals binnen weniger heftiger Stunden die Welt fast unterging: In der Nacht vom 8. zum 9. Juni 2007 kamen hier drei Menschen im Jahrhundert-Wasser ums Leben. Gebäude und Betriebe wurden zerstört, Existenzen psychisch und physisch bedroht. Zum Jahrestag 2008 legten UE-Redaktorin Liselotte Jost-Zürcher und UE-Fotograf Marcel Bieri 2008 ein Buch gegen das Vergessen auf. Es ist immer noch greifbar. Und aktuell.
Bilder im Kopf und für die Herzen
Es war kurz vor Mitternacht, als Liselotte Jost am 8. Juni 2007 in Gummistiefeln und Regenjacke bei der «Salze» in Huttwil stand. Das Städtchen lag im Finstern. Im Schein einiger Taschenlampen erkannte man die Konturen der Häuser. Ihr war klar: Das Schlimmste war vorüber, doch was sie sah, war unglaublich. Die Langeten hatte die Breite von der «Salze» bis zur alten Mühle erreicht; schwarz und unheimlich floss sie talwärts. Dem Brückengeländer nach, das zur Flut herausguckte, überquerte sie den Fluss. Überall waren Menschen damit beschäftigt, Möbel und Utensilien aus den unteren Stockwerken ihrer Häuser zu schaffen, Keller zu räumen - schweigend. Noch konnten sie nicht fassen, was sie eben erlebt hatten.
«Auf der Strasse, entlang der Gärtnerei Meiller, schwappte mir zeitweise das Wasser in die Stiefel», erinnert sie sich, «auf der rechten Seite glitzerte ein See. Die Wellen kräuselten sich leicht.» Sie wich Bänken, Tischen und Geräten aus, die aus dem Wasser herausragten. Unter ihren Stiefeln knirschten Glasscherben.
Bei der Staldenbrücke waren Feuerwehrleute mit Räumen beschäftigt. Der Wasserstand sank nun schnell. Sie traf auf ihren Kollegen Marcel Bieri, der diese Stunden in Hunderten von Bildern festgehalten hat. «Ich erfuhr, dass in Eriswil eine Frau in den Fluten umgekommen sei, dass hier, gerade hier wo wir beide standen, zwei Menschen vermisst wurden. Man hatte sie zuletzt am Langetenufer gesehen.» Leute standen in Gruppen, begannen anzupacken, sobald man sich an die Trümmerhaufen wagen durfte. Verwandte der Vermissten trafen ein, ebenso ein Helfer des Care-Teams.
Irgendwann wurde es dann auch wieder Tag. Er brachte die Gewissheit, dass die beiden Menschen in der tobenden Langeten umgekommen waren. Liselotte Jost: «Es gab aber auch wieder Sonne und etwas Hoffnung für die zahlreichen Unwettergeschädigten. Und eines zeigte sich ganz gewiss: Das Hochwasser hatte viele Menschen zusammengeschweisst. Beispiellos packten unzählige Freiwillige an und halfen beim Räumen, Reinigen, wieder Aufbauen; zum Teil bis an ihre eigenen Grenzen.»
Liselotte Jost und Marcel Bieri haben in diesen Tage und Wochen im Juni 2007 für den «UE Unter-Emmentaler» in Wort und Bild von den Aufräum- und Trauerarbeiten berichtet. 2008 ist aus den Erinnerungen und vielen Gesprächen und Recherchen danach ein Buch gegen das Vergessen entstanden: «Das Jahrhundert-Wasser – Bilder und Berichte vom Unwetter im Juni 2007 in der Region Huttwil.» Wer es nicht bei sich daheim stehen hat, kann es hier bestellen. 


