UE Online
Einsamer «Gilettäschli-Oligarch» unter Freunden
| 21. Januar 2012
« zurück zur Übersicht
Bediente sich auf der Bühne unnötig oft der Vulgärsprache, obwohl er etwas zu sagen hätte: Unternehmer Markus Bösiger. Bild: Markus Steinemann
Neo1-Podium in Huttwil. Die Affiche «Eiszeit rund ums Sportcenter Huttwil» liess nicht nur wegen der brisanten Inhaltsstoffe, sondern auch dank der eigenwilligen Besetzung auf Brot und Spiele schliessen. Wer dennoch auf Substanz, Lösungsansätze und neues Eis zu hoffen wagte, wurde trotz hitziger Debatte eiskalt erwischt.
Das konspirative Treffen findet im grossen Saal des Kleinen Prinzen zu Huttwil statt. Auf der Theaterbühne ein Radiomoderator, ein Fachjournalist, der Präsident des Eishockeyclubs ohne eigenes Eis – und Markus Bösiger, Unternehmer im Langetental und Besitzer der grossen multifunktionalen Sport- und Kulturarena im Stedtli. Der Saal ist prall gefüllt. Als ob es hier um alles ginge. Im Separee am Bühnenrand, der Tisch mit einem «Gäste»-Schild speziell markiert, nehmen nach und nach Huttwils Gemeindepräsident, die Vizepräsidentin und der Gemeindeschreiber Platz. Die drei setzen sich auf Beschluss des Gesamtgemeinderats als Delegation ganz bewusst derart ab, um dennoch dabei zu sein. Der Gemeindepräsident spricht sogar einmal auf Bühnen- bzw. Augenhöhe – kaum einen Steinwurf vom offiziellen Podium entfernt. Die Vizegemeindepräsidentin votiert mit dem Rücken zur Wand.
Gut zu wissen: Das Podiumsgespräch wurde aufgezeichnet. Es wird am Donnerstag, 26. Januar, 20 Uhr, auf Radio neo1 bearbeitet zu hören sein. Das neuste Baugesuch der Pneu Bösiger AG zum Aus- und Umbau des Sportcenters liegt im Gemeindehaus Huttwil auf. Der Gemeindepräsident liess per Medien verlauten, dass keine Asylbewerbenden in Huttwil erwünscht seien. Der zuständige Regierungsrat gab zudem medial zu verstehen, dass keine neuen Zentren zur Unterbringung gesucht würden.
« zurück
Das konspirative Treffen findet im grossen Saal des Kleinen Prinzen zu Huttwil statt. Auf der Theaterbühne ein Radiomoderator, ein Fachjournalist, der Präsident des Eishockeyclubs ohne eigenes Eis – und Markus Bösiger, Unternehmer im Langetental und Besitzer der grossen multifunktionalen Sport- und Kulturarena im Stedtli. Der Saal ist prall gefüllt. Als ob es hier um alles ginge. Im Separee am Bühnenrand, der Tisch mit einem «Gäste»-Schild speziell markiert, nehmen nach und nach Huttwils Gemeindepräsident, die Vizepräsidentin und der Gemeindeschreiber Platz. Die drei setzen sich auf Beschluss des Gesamtgemeinderats als Delegation ganz bewusst derart ab, um dennoch dabei zu sein. Der Gemeindepräsident spricht sogar einmal auf Bühnen- bzw. Augenhöhe – kaum einen Steinwurf vom offiziellen Podium entfernt. Die Vizegemeindepräsidentin votiert mit dem Rücken zur Wand.
Kleines Eismaleis
Was haben die zwei gemeinsam verbrachten Abendstunden ausser Rechtfertigungen, Beschuldigungen, vielen rüden Worten und dem gemeinsamen Abhören von Radioberichten gebracht? Was bleibt für die Region hier und heute übrig? Die Gretchenfrage, ob und wann es wieder Eis im Sportzentrum von Huttwil geben wird, wurde nicht beantwortet. Mutmassen lässt sich ohne Gewähr dies: Gelingt die finanzielle und infrastrukturelle Integration der neuen Oberaargauer Elitehockeytruppe «Helvetics» in die russische KHL-Liga, könnten jene Rubel rollen, die den Eisbetrieb in Huttwil-Schwarzenbach betriebswirtschaftlich so rentabel machen, dass auch die dereinst 500 jungen Talente des einheimischen Klubpräsidenten wieder auf Huttwiler Eis spielen dürfen. Und die Cracks der lokalen «Huttu High Flyers» nicht wie jetzt um 21.30 Uhr noch zum Nachttraining nach Burgdorf pendeln müssen.
Aus Witz mach Ernst
Vielleicht benutzen aber auch bald schon Asylbewerberinnen und Asylbewerber die 120 Betten im Sportcenter Huttwil. Markus Bösiger bezeichnete sein im Vorfeld des Podiums vom Fach- und PR-Journalisten publik gemachtes Bekenntnis zu seinen entsprechenden Gedankenspielen im «Kleinen Prinzen» als Witz, um gleich dunkel nachzusetzen: «Ein Witz, der ernst werden könnte.» Ein bisschen noch ernster wurde es ganz und gar, als Bösiger gleich selbst eine Abstimmung im Saal ausrief. Auf dem Spiel und der Kippe stand nichts weniger, als das Sportcenter da draussen, sagte Bösiger doch: «Wenn eine Mehrheit hier im Saal abstimmt, dass ich dort aufhören soll, dann mache ich das. Dann verhöckere ich das Sportcenter.» Der Saal spendete auf die Fangfrage den erwünschten Applaus – für ein Weitermachen. Über das Wie und Wann wurde dann nur gerade das erzählt, was die neuste Baupublikation zum Thema ausweist: ein weiterer Ausbau der Eisanlage (vorerst ohne Eis) und der Räume zu noch mehr Funktionalität zwischen Kultur und Sport.
Keine fristlose Kündigung
Markus Bösiger riet dem Huttwiler Gemeinderat an diesem Abend auch, die Mädchen der Fussballakademie abzuschreiben, liess sich dann aber nach dem offiziellen Anlass am Bühnenrand von eben diesen Fussballerinnen in ein intensives Gespräch verwickeln. Zuvor stellte er mit Hilfe des Lokalradiomoderators klar, dass er den Vertrag mit dem Fussballverband für dessen Eidg. Mädchenschule im Sportcenter nicht fristlos gekündigt habe, wie vom Gemeinderat kolportiert: Der Vertrag sei im Sommer schlicht ausgelaufen. Das bekam die Vizegemeindepräsidentin mehrmals zu hören. Vielleicht, weil sie sich für diese Fehlinterpretation partout nicht entschuldigen wollte. Im Gegenteil: Sie habe die Vertragskündigung Bösigers aus einem Zeitungsartikel des Fachjournalisten gelesen und für bare Münze genommen. Da konnte die Edelfeder quasi von oben herab nur lachen. Fast wäre ihm die Sonnenbrille von der Stirn auf die Augen gerutscht.
Ohne kugelsichere Weste
Ein erhellendes Bonmot aus den ausufernden Voten des Fachjournalisten: «Von Erdgas-Oligarch zu Gilettäschli-Oligarch». Womit er den ultrareichen Eishockey-Russen und Markus Bösiger aus Roggwil meinte, die sich dieser Tage im fernen Russland in einem Hotel – dessen Namen er auch nennen konnte – treffen würden. Um dort als freie Unternehmer in einer nicht ganz freien Welt grenzüberschreitend zu beschliessen, was gut und richtig ist.
Auf Du und Du im Grabenkampf
Was da an Hoffnung noch bleibt? Dass sich all jene, die sich an diesem Abend in Huttwil in die Haare und übers Maul fuhren, per Du sind? Nicht wirklich. Dass die Gemeindevertreter am Gästetisch sich wacker wanden, sich aber in dieser Art der Veranstaltung nur verheddern konnten? Kaum. Weil Markus Bösiger ab und zu nonverbal durchblicken liess, dass er nicht nur rumpeln, sondern auch zuhören kann? Gut möglich. Dass er vermutlich den Applaus genoss, ohne es leider zugeben zu können? Er, der nach eigenem Bekunden ohne kugelsichere Weste mit besten Absichten angereist war.
Bösiger am Bühnenrand
Liegt der Silberstreifen am Horizont vielleicht doch in diesem sentimentalen Schlussbild mit den Fussballmädchen und Markus Bösiger am Bühnenrand? Sein Gespräch mit jenen, die absolut gar nichts dafür können, dass der Schweizer Fussballverband «lächerliche 26 000 Franken pro Jahr» für einen Vollservice zahlen wollte, was Unternehmer Bösiger sich betriebswirtschaftlich und seelisch nicht antun mochte. Lassen wir den Abend und diese Zeilen also mit einem verheissungsvollen Satz von Markus Bösiger ausklingen: «Jedes Dorf sollte Eis für die Jungen haben.»
Beat Hugi
Beat Hugi
Gut zu wissen: Das Podiumsgespräch wurde aufgezeichnet. Es wird am Donnerstag, 26. Januar, 20 Uhr, auf Radio neo1 bearbeitet zu hören sein. Das neuste Baugesuch der Pneu Bösiger AG zum Aus- und Umbau des Sportcenters liegt im Gemeindehaus Huttwil auf. Der Gemeindepräsident liess per Medien verlauten, dass keine Asylbewerbenden in Huttwil erwünscht seien. Der zuständige Regierungsrat gab zudem medial zu verstehen, dass keine neuen Zentren zur Unterbringung gesucht würden.
« zurück
