UE Online

«Zebrastreiffe» für die Seele

|  12. Juli 2012
« zurück zur Übersicht
 
«Zebrastreiffe» für die Seele
Bald mit «Alls im Anke» gemeinsam auf der Bühne: Roland Binz mit seinen berndeutschen Geschichten und Thomas Aeschbacher mit seiner Örgelimusik. Bild: Markus Steinemann

Nach dem Unfall «Alls im Anke». Mit berndeutschen Geschichten hat Roland Binz, ehemaliger Gemeindepräsident von Leimiswil, nach seinem Unfall vom 8. Dezember 2010 sein Hirn trainiert und seine Seele massiert. Bald will er damit zu den Leuten. Letzten Montag nahm er mit dem Örgeler Thomas Aeschbacher daheim im Steinhaufen eine Promo-CD auf. Am 1. Dezember ist die Bühnen-Premiere im «Löwen» Leimiswil. Dann kommen die Geschichten im Berner hep-Verlag auch als Buch in den Verkauf. Es heisst «Alls im Anke».


Ihm gehe es gut, danke, sagt Roland Binz und lacht. Er lacht, auch wenn das Metall im Unterschenkel und im Knie ständig «ripset» und schmerzt: «Und dann diese Wetterfühligkeit. Ich könnte sofort bei Meteo oder im Muotathal meinen Dienst aufnehmen. Ich brauche keinen Ameisenhaufen, um das Wetter voraussagen zu können.» Binz klagt nicht. Er rapportiert. Im Arbeitszimmer baut Tontechniker Markus Steinemann seine Gerätschaften auf. In der Küche sitzt der Langenthaler Handörgeler Thomas Aeschbacher und trinkt Kaffee. Vor uns das weite Panorama ab Steinhaufen, Leimiswil, wo Roland Binz seit 25 Jahren mit seiner Frau Anita wohnt. Am Horizont ein helles Wolkenband als Silberstreifen.
 
Sturz vom Flyer
Das Metall hat Binz nicht erst seit seinem Malheur mit dem Flyer vor bald einem halben Jahr im Körper. Damals ist er bei Rütschelen dumm gestürzt. Alles gut verheilt. Das Metall kommt vom Unfall in Madiswil. Am 8. Dezember 2010 ist der damalige Gemeindepräsident von Leimiswil in Madiswil beim «Bären» auf dem Fussgängerstreifen umgefahren worden. Die Ambulanz brachte ihn mit Hirnverletzungen und Trümmerbrüchen in die Insel. Der Heli konnte nicht fliegen, das Wetter war zu schlecht. 
 
Gut für Hirn und Seele
Natürlich gehöre dieser Unfall in seine berndeutschen Geschichten, nickt Binz. Wenn auch nur am Rande. Wobei: Mit dem Fabulieren dieser «leicht schrägen, aber auch halbwegs erlebten Geschichten», wie er sie selbst nennt, habe er erst nach dem Unfall begonnen: «Ich mag das Wort ‹Psychohygiene› ja nicht besonders, aber das Erdenken dieser Geschichten, das spätere Aufschreiben, das heutige Bearbeiten und Lektorieren tat und tut meiner Seele gut!» Ganz zu schweigen vom medizinischen Bedarf: «Die Geschichten sind ein wichtiger Teil des Heilungsprozesses. Mit ihnen habe ich nach dem schweren Schädelhirntrauma mein verletztes Hirn trainiert und dort neue Speicherkapazitäten aufgebaut.»
 
Früher nur Schriftsprache
30 Jahre ist es her, seit er zum letzten Mal eigene literarische Texte verfasst und vorgetragen hat. Damals, als er als Einmannkabarettist mit «kabarettistischen Stichwortbildern» einen Sommer lang durch die ganze Schweiz getingelt ist. Manchmal begleitet von Thomas Dumont am Klavier und René Schifer Schafer. Den Rumpelstilz-Gitarristen kannte er aus der gemeinsamen Studienzeit am Seminar Muri-stalden. Binz schaut zu Thomas Aeschbacher hinüber: «Mit Schifer habe ich wie jetzt mit dir versucht, meine Geschichten und Worte mit Musik zu vereinen.» 

Nah am Herzen
Das Handörgeli liege genauso nah am Herzen wie das Berndeutsche: «Bis zu diesen Geschichten hier habe ich doch nie Berndeutsch geschrieben, immer nur Schriftsprache», sagt der passionierte Deutsch- und Geschichts-Lehrer an der Gartenbauschule in Koppigen. Dort arbeitet er heute wieder zu 60 Prozent. «Ich konnte diese Geschichten, die ich auch schon meinen Schülern vorgetragen habe, nur in Berndeutsch schreiben. Nach einem Ereignis wie meinem Unfall ist man hochsensibel, dünnhäutig, emotional. Um das in Worte zu fassen, was man in dieser Situation sagen will, erzählen muss, bedarf es der grossen Freiheit des Berndeutschen. Der vielen Nuancen, die nur im Dialekt möglich sind.» 
 
Von der Leere zum Freiraum
So habe ihm der Unfall, könne man ihm denn überhaupt etwas Positives abgewinnen, zuerst Leere, dann aber Raum und Zeit für diese neuen Geschichten geboten: «Ich lag wochenlang im Bett, sass im Rollstuhl, konnte höchstens mal mit dem Schulterstock eine Teppichlänge laufen. Ich habe den leeren Raum langsam zu gestalten versucht. Bei der Möblierung greifst du zu dem, was dir am Nächsten ist: Zu den eigenen Erlebnissen, den Erinnerungen, deinem Leben, deiner Sprache, solchen Geschichten.»

Zu den Leuten
Mit diesen berndeutschen Geschichten will Roland Binz zusammen mit Musiker Thomas Aeschbacher bald zu den Leuten. Live auf die Bühne. Im direkten Kontakt, wie damals als Solokabarettist genauso wie als Gemeindepräsident und als Lehrer. Am letzten Montag haben die beiden eine Handvoll Beispiele aufgenommen. Sie wollen diese ersten Tondokumente für die Promotion bei Veranstaltern nutzen. Der Termin für die offizielle Premiere ist schon gesetzt: Am 1. Dezember 2012 im Saal des «Löwen» in Leimiswil. Gut möglich, dass Roland Binz an diesem Abend auch die Geschichte vom «Zebrastreiffe» erzählen wird. 
 
Bereit für ein Treffen
Lange konnte und wollte Binz sich nicht mit dem jungen Autofahrer treffen, der ihn damals in Madiswil auf dem Zebrastreifen umgefahren hat: «Es ging mir emotional alles viel zu nah. Ich habe dann aber den Mailkontakt mit dem jungen Mann sehr genossen. Und ich habe ihm auf diesem Weg auch geschrieben, dass ich jetzt für ein Treffen bereit bin. Seither habe ich leider nichts mehr von ihm gehört. Ich würde mich heute sehr über ein Zeichen freuen. Sollte nun er heute Mühe mit einem persönlichen Treffen haben, könnten wir ja wieder sachte mit ersten Mails beginnen.»
Beat Hugi
 


« zurück