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Er schneidert die Hosen der «bösen Buben»

|  21. August 2010
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Er schneidert die Hosen der «bösen Buben»
 Für die währschaften Schwingerhosen näht Paul Eggimann in seiner Sattlerei in Grünen die Teile aus dickem Zwilchstoff zusammen.  Bild: eag
Paul Eggimann, Grünen. Dieses Wochenende findet in Frauenfeld das Eidgenössische Schwing- und Älplerfest statt. Gegen 200 000 Zuschauer werden erwartet. Die meisten unter ihnen wissen kaum, dass die soliden Zwilchhosen von 90 antretenden Schwingern im Emmental fabriziert wurden: Paul Eggimann nähte sie in seiner Sattlerei in Grünen.


 Die Werkstatt ist nicht allzu gross. Der Geruch von Leder und Textilien liegt im Raum. Unzählige Werkzeuge hängen griffbereit an der Wand. Hier an der Trachselwaldstrasse in Grünen schneiderte Paul Eggimann die Hosen für das Eidgenössische Schwing- und Älpferfest in Frauenfeld. Er fertigt Schwingerhosen bereits in der zweiten Generation an. Der gelernte Sattler steht an diesem Nachmittag in der Werkstatt am breiten Tisch. Vor sich hat er eine Rolle Leinenstoff – den dicksten, den es überhaupt gibt – den sogenannten Zwilch. Jetzt greift er zur Schere und schneidet nach dem aufgezeichneten Muster eine Hose aus. 
 
«Stucki brauchte eine Spezialgrösse»
Auf der extra starken Nähmaschine, gleich vorne beim Fenster, näht der 55-Jährige nun die Teile aus Zwilchstoff zusammen. «An den Rändern muss der Stoff fünf- bis sechslagig sein, damit er nicht reissen kann», erklärt er. Paul Eggimann weiss, wovon er spricht, wenn es um die Hosen der Schwinger geht. Der gebürtige Sumiswalder stellte sie dieses Jahr nämlich bereits  zum siebten Mal für ein «Eidgenössisches» her. Er fabrizierte 90 Zwilchhosen in vier verschiedenen Grössen: Null, eins, zwei und die Sondergrösse Spezial. Eggimann berichtet mit einem Schmunzeln: «Christian Stucki benötigte eine Spezialanfertigung.»  Für ihn habe er fast ein Drittel mehr Stoff gebraucht. Kein Wunder, der Berner Schwinger ist mit seinen 1,98 Metern und über 140 Kilogramm ein schon recht stämmiger Herr. Für Titelverteidiger Jörg Abderhalden  sei Grösse eins reserviert gewesen. 
Jetzt setzt sich der Sattler aus Grünen vor ein nostalgisches «Nähböckli» aus Holz. Unglaublich geschickt und schnell näht er die letzte Naht der Hose von Hand zusammen. Weil der Stoff sehr dick ist, muss er jedes Loch vorstechen, bevor er den Faden einziehen kann. 

Erstmals Hosen in zwei Farben
«Erstmals schneiderte ich dieses Jahr für ein «Eidgenössisches»  Hosen in zwei Farben», erklärt Paul Eggimann,  nämlich 45 naturfarbene wie eh und  je und neu 45 Braune. Durch die vermehrte Übertragung von Schwingfesten im Fernsehen sei man auf das Problem gestossen, dass die Schwinger nicht auseinander gehalten werden könnten. Unterschiedlich farbige Lederflecken am Nahtabschluss waren zu wenig deutlich. An diesem Wochenende werden nun die verschieden farbigen Hosen aus Grünen erstmals auf schweizweiter Ebene ausprobiert. Sie sollen dafür sorgen, dass die Schwinger visuell besser auseinander gehalten werden können. «Schwinger, die mit dem Namen im Alphabet weiter vorne zu finden sind, ziehen die hellen Hosen an und die anderen die dunklen», erklärt Eggimann. Dies erleichtere gewiss auch den Kampfrichtern die Arbeit.   
 
Schon als Bub geholfen
Ihm, der bereits als kleiner Bub seinem Vater eifrig half, Zwilchhosen für Eidgenössische Schwingfeste anzufertigen, ist wohl das Handwerk schon in die Wiege gelegt worden. Paul Eggimann berichtet begeistert, wie sein Vater in der Sattlerei nebst Militäraufträgen und der Kumetfertigung angefangen habe, Hosen für «starke Mannen» zu nähen – anfänglich bloss für einzelne Schwingervereine, dann wurden es immer mehr. Als in den Sechzigerjahren das Pferd als Nutztier  seine Bedeutung endgültig verloren hatte und auch die Aufträge für Kumets und Sättel rückläufig wurden, war das Nähen der Hosen für die Familie ein willkommener Erwerb. Wen wunderts, dass Paul Eggimann die Liebe zum Beruf von seinem Vater geerbt hat. Seit fast 30 Jahren führt nun er die Sattlerei.
 
Schwingerhosen in Japan 
Selber schwingen tue er zwar nicht, berichtet Eggimann. Jedoch sein Vater habe als junger Mann geschwungen. Er erinnert sich noch ganz genau an die vielen Schwingfeste, die er von Kindesbeinen an mit seinen Eltern besucht hatte. Eggimann, der auch heute an manchem Schwingfest anzutreffen ist, kennt die meisten Schwinger. Aber nicht nur vom Sehen her, sondern auch von ihren Besuchen in Grünen. So wie anfangs Januar, als Christian Stucki an die Pforte seiner Werkstatt klopfte. Er wollte nämlich original Schweizer Schwingerhosen aus dem Hause Eggimann als Geschenk mit nach Japan nehmen. Stucki war zu einem Gastaufenthalt bei Sumoringern gereist. Die letzten Wochen ging es in der Werkstatt in Grünen ziemlich turbulent zu. Leute von Radio- und Fernsehsendern hatten dem «berühmten» Sattler  bei der Arbeit über die Schulter geschaut und er musste Interviews geben. Ja sogar die Moderatoren der Sendereihe «SF bi de Lüt»  besuchten ihn kürzlich. Am Montag aber, nach dem «Eidgenössischen», wird der gross gewachsene Mann wieder wie gewohnt seiner Arbeit nachgehen und Glockenriemen, Kumets,  Bandaliere (Lederriemen, die als Halterung für Fahnen dienen) anfertigen sowie Näharbeiten für die Armee ausführen. Auch Schwingerhosen wird er nähen, in allen Grössen auf Vorrat – denn seine  «Unikate» schickt er gar schon bis nach Kanada, zumeist im Auftrag von Schweizer Auswanderern.
 
Thronanwärter Matthias Sempach 
«Höchst wahrscheinlich reise ich nicht nach Frauenfeld, verfolge aber sicher das Geschehen am Fernsehen», sagt Paul Eggimann. Sein auserkorener Thronanwärter heisse klar Matthias Sempach. «Der Alchenstorfer ist ein sehr gut trainierter, junger Athlet.» Und wenn einer der Schwinger über 30 Jahre überhaupt noch eine Chance habe, sich als Schwingerkönig feiern zu lassen, tippe er auf den Nesslauer Jörg Abderhalden.
Elsbeth Anliker
 
 


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